Mit dem Schraubenschlüssel nach Frankreich – Kfz-Azubis auf europäischer Lernreise
Europa erleben, neue berufliche Perspektiven gewinnen und über den eigenen Tellerrand hinausblicken – genau das durften vier Auszubildende der Kfz-Abteilung des Berufskollegs Technik Siegen im Rahmen des EU-Programms Erasmus+ erfahren.
Was als einfache Idee begann – ein Austausch mit französischen Partnern im Bereich Kfz-Mechatronik – entwickelte sich zu einem beeindruckenden Beispiel dafür, wie internationale Berufsbildung junge Menschen, Betriebe und Lehrkräfte gleichermaßen bereichern kann.
Von der Idee zur Partnerschaft
Am Anfang stand eine Anfrage: Ein Austausch zwischen angehenden Kfz-Mechatronikerinnen und -Mechatronikern aus Deutschland und Frankreich.
Nach mehreren Online-Meetings nahm das Projekt konkrete Formen an. Die Kfz-Abteilung des Berufskollegs Technik sprach gezielt interessierte Schülerinnen und Schüler an und bezog frühzeitig die Ausbildungsbetriebe in die Planungen ein.
Einige Jugendliche zögerten zunächst – die Sprachbarriere schien eine Herausforderung. Doch mit Unterstützung durch ihre Lehrerinnen, Lehrer und Betriebe wurde schnell klar: Diese Chance gibt es nur einmal.
So erklärten sich vier mutige Auszubildende bereit, sich auf das Abenteuer Lernen in Europa einzulassen.
Willkommen in Siegen – französische Schüler zu Gast
Im März 2025 war es dann so weit: Vier französische Austauschschüler kamen nach Deutschland, um für zwei Wochen den Ausbildungsalltag in heimischen Betrieben kennenzulernen.
Die Kfz-Unternehmen VW Walter Schneider in Siegen-Weidenau und BMW Wahl in Siegen erklärten sich bereit, jeweils zwei Schüler aufzunehmen und sie intensiv zu betreuen.
Die Jugendlichen arbeiteten in den Werkstätten mit, erlebten moderne Diagnose- und Servicetechnik und konnten gleichzeitig die Abläufe in einem deutschen Ausbildungsbetrieb aus erster Hand erfahren.
Auch der Besuch des Berufskollegs Technik Siegen gehörte selbstverständlich dazu: Dort nahmen die Gäste am Berufsschulunterricht teil, nutzten digitale Lernmaterialien und tauschten sich mit den deutschen Mitschülerinnen und Mitschülern über Technik, Ausbildung und Alltag aus.
Der Aufenthalt war ein voller Erfolg – nicht nur fachlich, sondern auch menschlich. Innerhalb weniger Tage entwickelten sich herzliche Kontakte, die weit über den Werkstattalltag hinausgingen.
Vorbereitung mit Herz und Verstand
Um die Lern- und Arbeitsbedingungen vor Ort optimal vorzubereiten, reisten Stefan Weidmann (Erasmus+-Koordinator am Berufskolleg Technik) und Tanja Gräbener (Bildungsgangleiterin der Kfz-Abteilung) vorab nach Frankreich, genauer nach Saumur.
Bei ihrem Besuch besichtigten sie die Schule sowie mehrere Werkstätten und Betriebe – darunter Niederlassungen von Peugeot, Renault und Nissan.
Neben fachlichen Aspekten wie Arbeitszeiten, Ansprechpartnern und Tätigkeitsfeldern wurden auch praktische Fragen geklärt:
Wie erreichen die Schülerinnen und Schüler ihre Betriebe? Welche Freizeitmöglichkeiten gibt es vor Ort? Und wie kann ein möglichst reibungsloser Ablauf des Austauschs gewährleistet werden?
Diese gründliche Vorbereitung schuf den sicheren Rahmen, den die Auszubildenden für ihren Aufenthalt brauchten.
Lernen, Arbeiten und Leben in Frankreich
Im Oktober 2025 traten schließlich die Auszubildenden aus Deutschland ihre Reise nach Frankreich an.
Begleitet und unterstützt durch ihre Lehrkräfte sammelten sie dort wertvolle fachliche, sprachliche und persönliche Erfahrungen.
Während ihres Aufenthalts arbeiteten sie in französischen Kfz-Betrieben und erlebten hautnah, wie Wartung, Diagnose und Reparatur im Nachbarland organisiert sind.
Auch der Unterricht an der französischen Berufsschule war Teil des Programms: Im Theorie-Praxis-Verbund lernten die Teilnehmenden gemeinsam mit ihren französischen Kolleginnen und Kollegen, tauschten sich über technische Neuerungen aus und verglichen Ausbildungsmethoden beider Länder.
Abseits der Werkstatt lernten die vier, sich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden, Verantwortung zu übernehmen und kulturelle Unterschiede als Bereicherung zu erleben.
Die sprachlichen Hürden wurden mit gegenseitiger Unterstützung schnell überwunden – und machten am Ende sogar stolz: Denn wer sich in einer fremden Sprache verständigen kann, gewinnt Selbstvertrauen und Offenheit.
Ein besonderer Höhepunkt war der Besuch der Equip Auto in Paris – der größten Automobilmesse Frankreichs.
Hier konnten die Auszubildenden neueste Entwicklungen der Fahrzeugtechnik bestaunen, internationale Kontakte knüpfen und erleben, wie stark die Automobilbranche europaweit vernetzt ist.
Diese letzte Station des Austauschs war nicht nur fachlich spannend, sondern auch emotional beeindruckend – ein perfekter Abschluss einer unvergesslichen Reise.
Grenzen überwinden – fachlich, sprachlich, persönlich
Der Austausch zeigte eindrucksvoll, dass Mobilität in der Berufsbildung weit mehr ist als ein Auslandsaufenthalt.
Alle vier deutschen Schüler berichteten von spannenden Einblicken in Werkstattabläufe, die sie so noch nicht kannten, und von einem offenen, herzlichen Miteinander in den französischen Betrieben.
Natürlich war nicht alles leicht: Eine neue Sprache, ein fremdes Land, andere Arbeitsweisen – doch genau das machte den Reiz aus.
Die Auszubildenden meisterten jede Herausforderung mit Bravour und kehrten mit gestärktem Selbstbewusstsein, neuen Fachkenntnissen und einer großen Portion Stolz zurück.
„Diese Erfahrung bietet nicht nur einen persönlichen, sondern auch einen fachlichen und kulturellen Mehrwert fürs ganze Leben“, fasste ein Teilnehmer begeistert zusammen.
Europa erleben – mit Schraubenschlüssel und Neugier
Neben dem beruflichen Lernen kam auch das kulturelle Erleben nicht zu kurz.
Während eines Besuchs von Stefan Weidmann und Tanja Gräbener in Frankreich stand ein besonderer Höhepunkt auf dem Programm:
Ein Tag auf der Rennstrecke von Le Mans – gemeinsam mit drei französischen Schulklassen – zeigte, dass Leidenschaft für Technik und Mobilität über Grenzen hinweg verbindet.
Beim zweiten Besuch von Klaus Bickenbach und Tanja Gräbener wurde zudem die berühmte Reitschule Cadre Noir besichtigt – eine von nur vier Einrichtungen weltweit, die klassische Reitkunst auf höchstem Niveau vermittelt.
Die dortige Trainingshalle in Saumur ist die größte Europas – ein beeindruckendes Sinnbild für die Größe und Vielfalt gemeinsamer europäischer Bildung.
Fazit: Erasmus+ – Motor für die Zukunft
Erasmus+ steht für Lernen ohne Grenzen – für gelebtes Europa im Alltag der Berufsausbildung. Das Programm öffnet Türen: zu neuen Kulturen, neuen Technologien, neuen Freundschaften. Schulen, Betriebe und Lehrkräfte profitieren gleichermaßen, wenn sie gemeinsam den Mut haben, internationale Wege zu gehen.
Das Beispiel des Berufskollegs Technik Siegen zeigt:
Erasmus+ ist mehr als ein Förderprogramm – es ist eine Investition in die Zukunft junger Menschen und in die Wettbewerbsfähigkeit unserer dualen Ausbildung.
Denn wer über Grenzen hinweg lernt, bringt Europa zum Laufen – manchmal sogar mit einem Schraubenschlüssel in der Hand.
Text: Berufskolleg Technik des Kreises Siegen-Wittgenstein